So, jetzt wollte ich doch kurz noch mal begründen, warum ich meinen Glauben an die deutsche Gegenwartsliteratur verloren habe. Ich bin geschockt. Ehrlich. Und das nachhaltig.
Ich habe Charlotte Roches vielumjubeltes, besprochendes und von den Medien gepuschtes Debut gelesen und: rote Ohren bekommen. Und ab und an wurde mir schlecht. Ich bin nicht prüde. Echt nicht. Aber das war mir dann doch zu viel. Ich hatte mir echt was davon versprochen. Charlotte Roche, dachte ich, das ist so ne richtig coole Sau, vonwegen Emanzipation und schmückt den Emma-Titel und ist ganz dicke mitte Alice Schwarzer. Dachte, dann kommt bei der vielleicht auch was rum. Tja. Lauf ich also, blöd wie ich bin, los und kauf mir das Buch. Das Geld hätte ich echt besser in ne Gala investiert. Das wäre fast gehaltvoller gewesen. Aber ich war auch noch geblendet von der schicken pinken Aufmachung.

Leider hat das Buch nicht mal wirklich eine Handlung. Die Protagonistin ist ein total sexfixiertes 18-jähriges Mädel, dass mit einer Anal-Fissur,die sie sich beim Hintern-Rasieren zugezogen hat, im Krankenhaus landet. Und da verliebt sie sich dann noch in ihren Krankenpfleger. Das ist eigentlich alles. Während sie da so liegt, erzählt sie von ihren ganzen Fetischen und ihrer Einstellung zu Körperhygiene und ihren sexuellen Eskapaden und, besonders schön, gleich zu Beginn des Buches; über ihre Hämorrhoiden. Jetzt mal ehrlich: Charlotte Roche propagiert ja so, dass man offen sein soll und nicht so verkrampft und über sowas alles reden soll. Schön! Soll sie doch, meinetwegen; aber wenn interessiert das? Ist es nicht eigentlich auch ganz schön, dass wir über manche Dinge einfach gar nicht reden? Dass wir sie lieber totschweigen, einfach, weil sie nicht angenehm sind und jedem, dem wir sie erzählen eher ein bisschen den Appetit verderben? Ist es nicht sinnvoll, ein gewisses Schamgefühl zu haben? Wieso nicht? Mich interessiert es nicht, wie der sogennante „Arsch-Blumenkohl“ am „Poloch“ von meinem Gegenüber aussieht (um hier mal das überaus einfallsreiche Vokabular von der Autorin zu verwenden). Ehrlich. Ich hab normalerweise kein Problem mit sowas. Ich kann mich auch über schmutzige Witze amüsieren und ich bin auch nicht der Ansicht, dass Frauen nur Lavendel kacken und so weiter und so fort. Aber hier hat die gute Charlotte doch echt mal irgendwie ne Grenze überschritten. Mir kommt das Ganze eher so vor, als wolle sie einfach nur mit ihren extrem ekeligen und ziemlich detaillierten Beschreibungen provozieren und es ist teilweise so plakativ, dass ich eher denke, es wurde von einem pubertären Achtklässer geschrieben als von einer erwachsenen Frau. Wer mir nicht glauben will, muss es selber lesen. Ich bin,um ehrlich zu sein, zu schamhaft und verkrampft…, um hier noch genauere Details zu beschreiben. Sowas gehört einfach nicht in meinen Blog. Offenheit hat seine Grenzen Das Motto „wir sind alle so super offen und können über alles reden…“ ist ja schön. Wie gesagt; man kann über alles reden, aber die Notwendigkeit dafür besteht einfach nicht. Ich halte es da mit den Ärzten: Das sind Dinge von denen ich gar nichts wissen will…! Nur ein kleines Zitat gönne ich euch noch:
„Ich benutze mein Smegma wie andere ihre Parfümflakons. Mit dem Finger kurz in die Muschi getunkt und etwas Schleim hinters Ohrläppchen getupft und verrieben. Wirkt schon beim Begrüßungsküsschen Wunder.“
Was ich an der ganzen Sache nur so erstaunlich finde: das Buch ist auf der Bestseller-Liste auf Platz 1 und wird im Fernsehen besprochen wie die Mondlandung. Und Leute, von denen ich dachte, dass sie ernstzunehmen sind (ich sage nur Roger Willemsen) geben positive bis begeisterte Kritiken dazu ab.Ich frage mich, ob wirklich alle das cool finden, oder ob die es einfach cool finden, um nicht prüde zu wirken. Eine weitere Frage, die dieses Erstlingswerk aufwirft ist dann noch: WAS bitte hat das mit Emanzipation zu tun? Das ist nicht emanzipiert, das ist einfach bescheuert. Klar, freie Sexualität musste von Frauen wirklich mal erkämpft werden und eine positive Einstellung zum eigenen Körper und zur eigenen Sexualität ist bestimmt auch ein wichtiger Ansatzpunkt. Aber dieses Buch hat damit nichts zu tun. Zudem müssten sich jetzt die Männer auch irgendwie benachteiligt vorkommen. Denn sowas in der Art habe ich von Männern noch nicht gelesen. Vermutlich liegts daran, dass ich einfach nicht die „Literatur“ lese, die Charlotte Roche kennt. Die will ja jetzt angeblich auch einen Porno drehen. Na dann, Klappe und Action.
(Übrigens; dies ist in meinem neuen Blog der erste Eintrag in der Kategorie „Literarisch“ – obwohl er da eigentlich nicht hingehört – sondern eher unter „Trash“. Aber da es sich um ein Buch handelt, hab ich es der Ordnung halber so eingeordnet…)